Wandern im Tessin: Auf nach Sonogno

„One sees great things from the valley,

only small things from the peak“

~ Gilbert K. Chesterton ~

Mit dem Tessin verbinde ich seit meiner frühen Kindheit wunderschöne Momente. Schon als kleines Kind besuchte ich mit meinem Eltern und meinem Bruder öfters das Tessin, es war Schauplatz vieler Urlaube. Der Moment, wenn man aus dem Gotthardtunnel hinaus fährt und die hohen, vom Sonnenlicht beschienenen Berge sowie die rauschenden Wasserfälle entlang der Straße erblickt, zählt für mich bis heute zu den schönsten Augenblicken. Folglich musste bei unserem Urlaub am Lago Maggiore auch eine Wanderung im Tessin auf dem Plan stehen. Ich entschied mich für eine Wanderung im Verzascatal, ein Tal an das ich besondere Erinnerungen habe. Die Staumauer, die im James Bond Klassiker Goldeneye Schauplatz eines waghalsigen Sprungs des Agenten Bond war, oder die über die Grenzen hinaus bekannte steinerne Bogenbrücke „Ponte dei Salti“, all das verbinde ich mit meiner Kindheit und den sonnigen Urlauben im Süden der Schweiz.

Das Valle Verzsaca, gelegen im Bezirk Locarno, ist ein 25 Kilometer langes Tal und das einzige, welches nur an Tessiner Täler grenzt. Der Talboden liegt auf 500 bis 900 Metern und die Berge, die das ganze Tal umrahmen, haben eine durchschnittliche Höhe von 2400 Metern. Die Sicht auf die Walliser-, Berner-, Glarner- und Bündneralpen locken jedes Jahr viele Bergwanderer und Touristen in das Tal. Die Ursprünglichkeit, die das Valle Verzasca aufgrund seiner schweren Erreichbarkeit erhalten konnte, ist ein weiterer Pluspunkt. Auch die typischen Rustici, welche inzwischen oft zu Ferienhäuser umgebaut wurden, sind natürlich in dem Tal zu finden. Durch den Umbau konnten die alten Häuser und das charakteristische Ortsbilder erhalten bleiben.

Für unsere Tour habe ich mich für eine Wanderung im oberen Teil des Tales entschieden und somit führte uns unser Weg in den Ort Brione, unserem Startpunkt. Kurz vorm Ortseingang befindet sich auf rechter Seite ein Wanderparkplatz. Hier lassen wir unser Auto stehen und gehen nun zu Fuß durch den kleinen Ort. Steinhäuser mit gepflegten Gärten säumen die Durchfahrtsstraße (Via Brione Verzasca), die zum Glück wenig befahren wirkt. Wir verlassen den Ort und gehen weiter entlang der asphaltierten Straße, bis wir nach ca. 1 Kilometer eine Hängebrücke über die Verzasca erblicken. Mit Hilfe der Brücke überqueren wir den Fluss, der zu diesem Zeitpunkt nicht allzu viel Wasser führt. Wanderer sonnen sich am steinigen Bachbett und lassen es sich gut gehen.

in Alnasca

Nach der Überquerung gelangen wir in das kleine Örtchen Alnasca, welches nur aus ein paar vereinzelten Steinhäusern besteht und halten uns an der ersten Kreuzung links. Zügig verlassen wir Alnasca und wandern den schmalen Weg, welcher immer entlang des Flusslaufes der Verzasca verläuft, bergauf.

Blick auf die Verzasca
auf hölzernen Stegen durch die Natur
Scheune bei Lorentino

Der Weg ist gut besucht, überall wird man höflich gegrüßt. Die ersten zwei weiteren Hängebrücken lassen wir links liegen und folgen stur dem Wanderweg, der hier teilweise durch bewaldete Stellen führt. Wir passieren das Dorf Lorentino und gelangen an ein altes, verlassenes Tessinerdorf. Das Dorf sollte eigentlich ein Highlight der Tour werden, da der Streckenverlauf genau durch das Örtchen führen soll, ein Traum zum fotografieren und eine Möglichkeit sich in vergangene Zeiten zurück zu versetzen. Leider ist der Weg gesperrt, da einige der Häuser akut einsturzgefährdet sind – Lebensgefahr für uns Wanderer. So bleibt uns nicht anderes übrig, als unser erstes Tourenhighlight von der sicheren Umgehung aus zu inspizieren und zu fotographieren. Die Sperrung soll noch bis mindestens 31.12.2024 bestehen bleiben, bis dahin sollen die Sanierungsarbeiten der alten Steinhäuser gehen.

leider nur aus der Ferne zu begutachten

Wir folgen dem Wanderweg weiter bergauf Richtung Frasco. In Frasco überqueren wir die Verzsaca auf einer weiteren Hängebrücke und folgen nun dem Flusslauf auf linker Seite auf der Pista Monda-Aunèd-Bolla weiter bergauf Richtung Sonogno.

Blick in das Flussbett
die Kirche in Frasco

Nach 1,5 Kilometern erreichen wir schlussendlich die hinterste Ortschaft des Verzascatals, auf 919 Metern gelegen. In Sonogno halten wir uns nach dem, am Ortsrand gelegenen, Spielplatz links und passieren auf der Strada de Redòrta einen alten Bauernhof, welcher leckeren Käse und andere Köstlichkeiten zum Verkauf anbietet. Schweizer Franken nicht vergessen, eine Kartenzahlung ist natürlich nicht möglich. An der folgenden Kreuzung bieten wir rechts auf die Strada dai Casèll ab und gelangen nun zum Ortskern. Im wunderschön gestalteten Ortskern finden sich Lokale, welche zum einkehren auf ihren Sonnenplätzen, entlang der Fußgängerzone in der Strada dal Fórn, einladen. Ebenso findet man hier Souvenirshops, welche die typischen touristischen Mitbringsel sowie Postkarten anbieten. Es herrscht eine fröhliche Stimmung, die zum Bleiben auffordert.

In Sonogno

Wir erreichen einen großen Platz (Er Piazza) auf dem wir uns rechts halten, um danach gleich nochmal rechts in die Strada de Redòrta abzubiegen. Wir kommen nun wieder zum Spielplatz, den wir vorhin passiert haben. Hier überqueren wir wieder die Verzasca und folgen dem gleichen Weg, der uns nach Sonogno geführt hat, bergab. An der nächsten Brücke biegen wir jedoch nicht links nach Frasco ab, sondern wandern weiter auf der Pista Monda-Aunèd-Bolla geradeaus. An der nächsten Wegekreuzung verlassen wir auch diesen Weg und halten uns weiter geradeaus und gelangen nun in ein bewaldeten Wegabschnitt. Das Laub raschelt unter unseren Schuhen. Hier ist es im Vergleich zu den vorangegangenen Kilometern herrlich ruhig und wir sind ganz alleine. Nach ca. 1 Kilometer kommen wir zu einer kleinen Treppe, welche wir hinaufsteigen. Am Ende der Treppe gelangen wir auf eine breite asphaltierte Straße, der Strada Cantonale. Dieser folgen wir ca. 300 Meter und überqueren die Hauptverkehrsstraße des Tals an einer Bushaltestelle. Dort führt ein Weg links leicht den Berg hinab. Auf diesem Teilstück hat man eine tolle Weitsicht über das Tal. Allgemein wirken die steil hinaufragenen Berge imposant und lassen den Wanderer winzig klein wirken. Ich empfinde in solchen Momenten oft eine große Demut, merkt man doch, wie klein und unbedeutend der Mensch im Vergleich zur Natur ist.

Am Ende des Weges erwartet uns wieder eine Brücke, über der wir die Verzsaca ein weiteres mal überqueren. Nun führt uns der Weg wieder an den Ortschaften Lorentino und Alnasca vorbei. In Alnasca nehmen wir diesmal nicht die Hängebrücke über den Fluss, sondern folgen dem Wanderweg durch den Ort. Nach ca. 1,5 Kilometern gelangen wir an eine weitere Brücke, auf der wir ein letztes Mal den Fluss überqueren. Hier hat man noch einmal die Möglichkeit den spektakulär gefärbten Gneis des Flussbettes zu bewundern. Durch das Wasser glänzen die Steine und der Farbverlauf der verschiedenen Braun-, Schwarz-, Grau- und Weißtöne kommt besonders zur Geltung. Der wunderschön gefärbte Gneis ist einzigartig in der Region, z.B. im benachbarten Valle Maggia sind die Gesteine meist rein grau.

Gleich nach der Brücke halten wir uns rechts und folgen dem Weg zurück zu unserem Auto.

Informationen zur Wanderung:

Das Valle Verzasca ist ab Locarno gut ausgeschildert. Um nach Brione zu kommen, folgt man ab Locarno der Via Valle Verzasca ca. 24 Kilometer lang. Mit dem Bus nimmt man ab dem Busbahnhof Locarno die Linie 321 Richtung Sonogno. Die Busfahrt dauert ca. 40 Minuten.

AusgangspunktWanderparkplatz Brione, Via Cantonale 1, 6634 Brione (Schweiz)
Gesamtlänge17 Kilometer
ungefähre Dauer4 Stunden
Anstiege200 Meter bergauf und 210 Meter bergab
Schwierigskeitsgradmitel
Anforderunggut begehbare, teilweise schmale und steinige Wege, festes Schuhwerk wird empfohlen, kann nicht mit einem Kinderwagen begangen werden
Einkehrin Sonogno laden Cafés und Restaurants zur Einkehr ein

Hinterlasse einen Kommentar